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Im Waschsalon


Sie sah müde aus – müde und leicht kränklich. Ihre überaus schlanken, um nicht zu sagen mageren, Arme hingen von ihren Schultern wie klapprige Äste von einem vom Herbststurm zerpflückten Baum. Ihre stahlblauen Augen waren ausdruckslos und leer, die aschblonden Haaren fielen strähnig vom Kopf und in ihren zierlichen Händen hielt sie ein Buch. Bei genauerem hinsehen erkannte er auf dem Cover ein rotes Pferd, welches aus Flammen bestehen zu schien. „Oder aus Blut“, ging es ihm durch den Kopf. Die Schrift auf dem Buch konnte er nicht lesen, seine Augen waren nach fast 40 Jahren nicht mehr die Besten. Trotzdem hatte er die Kleine, die es sich auf der anderen Seite des Raumes auf einer der Waschmaschinen bequem gemacht hatte, sofort erkannt. Er hatte sie schon oft draußen herumlungern sehen, ihr jedoch selten Beachtung geschenkt. Sie trug ein nicht besonders sauberes, weißes Tank Top, eine verwaschene Blue Jeans, die am linken Knie aufgerissen war und obwohl die Temperatur auf den Straßen weit unter 20 °C lag – trotzdem sie erst Mitte September hatten – trug sie keine Jacke bei sich. Er betrachtete das Mädchen etwas genauer und entdeckte dabei einige Flecken auf ihrem Top, die zum größten Teil wohl aus übergeschwapptem Kaffee bestanden. Nur ein einziger Fleck – er war nicht einmal besonders groß – hob sich von den Anderen ab. Er war dunkelrot, fast schon braun und bedeckte nur eine minimale Fläche des weißen Stofffetzens, den die blasse, junge Frau trug. „Blut.“, schoss es ihm erneut durch den Kopf.

Der leere Blick des Mädchens wanderte durch den Raum, ihm jedoch schien es als würde sie sich umsehen – nervös, etwas ängstlich. „Vielleicht kommt sie sich beobachtet vor...“ , sagte er in Gedanken, als er sich dabei erwischte, wie er sie anstarrte – seit nun guten drei Minuten. Abrupt wand er sich von ihr ab und richtete sein Interesse auf die Tasche, in der sich seine Schmutzwäsche befand. Er legte sorgsam die einzelnen Hemden in die große, mintgrüne Waschmaschine vor sich und studierte zuvor jedes, sich im Inneren der Textilien befindende, Schild. Und das, obwohl er die klein gedruckten Waschanleitungen bereits seit Jahren auswendig kannte. Abgesehen davon, konnte er sie eh nicht mehr Lesen – Seine Augen waren nun mal nicht mehr die Besten. Als er das letzte Hemd im Maul des grünen Ungetüms vor ihm verstaut hatte, spürte er ein beklemmendes Gefühl in seiner Bauchgegend. Nun kam er sich beobachtet vor. Er konnte ihre Blicke, und wie sie seinen Rücken durchbohrten förmlich fühlen. Als er schließlich seinen Kopf hob, sah er, dass die Blondine das Interesse an ihm längst verloren hatte. Ihre Augen wanderten noch immer durch den Raum. Fast schien es ihm als fotografiere sie den Waschsalon - nur eben mit ihrem Kopf; nicht mit einer Kamera. Er folgte ihrem Blick.

Der Boden des Salons war lachsrosafarben gefliest, es befanden sich dreizehn mintgrüne Waschmaschinen im Raum, die allesamt wie Requisiten vom „Pleasantville“-Set aussahen und links neben der Tür stand noch ein alter Getränkeautomat. In all den Jahren – es waren mittlerweile fast 20 – konnte er sich an diesem verdammten Ding noch nie auch nur eine einzige Coke ziehen. Ihm schien es, als würden sie den Automaten in all den Jahren absichtlich nur mit den anderen Softdrinks befüllen – Coca Cola diente als Köder, um die Leute durstig zu machen.
In der hintersten Ecke des Waschsalons, direkt neben dem einzigen, natürlich ebenfalls mintgrünen, Trockner, befand sich ein Geldwechselautomat. In den letzten drei Monaten ist dieser übrigens fünf mal geknackt worden, schrieben die Lokalzeitungen (mehr als $ 41,38 und ein paar Plastikjetons, wie man sie zum Einkaufswagen leihen im Supermarkt nimmt, war jedoch nie zu holen). Von der Decke hing eine Glühbirne ohne Schirm, die den Raum in fahles Licht hüllte und die Anwesenden – sie und ihn – kreidebleich erschienen ließ.

Das Mädchen hatte den, in dunkle Jeans und hellblaues Anzughemd gekleideten, Mann schon einige Male gesehen. Sie wusste, dass er bei der Central Trust Bank arbeitete, wunderte sich oft, was Einer wie Er in einer Gegend wie Dieser machte. Sie wusste, dass er jeden Abend zum Nachtshop an der 32nd zum Zigaretten holen ging und dass er manchmal ein nicht jugendfreies Magazin mitnahm. Das war in Ordnung, er hatte ja keine Frau – zumindest hatte sie ihn bisher nie mit einer gesehen. Und es kümmerte sich auch herzlich wenig, im Grunde genommen konnte sie nichts für ihr wissen. Es wahr wohl einfach ihre spezielle Begabung - ihr Talent, wenn man so will -, die Menschen um sich herum zu beobachten und sich solche Dinge einzuprägen. Sie selbst blieb dabei jedoch stets unbemerkt, wie eine Maus im Kornfeld.

Sie musterte ihn, während er noch immer auf dem Boden vor „seiner“ Maschine hockte und sah, dass sein Blick nun auf das Bullauge der Maschine gerichtet war, auf der sie saß. Er schien in Gedanken zu sein. Ihm fiel auf, dass sich im Inneren der Maschine nur ein Kleidungsstück befinden zu schien. Ein blaues T-Shirt, vielleicht auch eine grüne Jacke. Er konnte das aus seiner Position nicht erkennen, denn, wie sie bereits wissen, seine Augen sind nun mal einfach nicht mehr die Besten. Trotzdem versuchte er sich auf den Inhalt des mintgrünen Monsters zu konzentrieren und nach genauem Hinsehen, schien es ihm als würde das T-Shirt – oder die Jacke? - von braunen Spränkeln übersät sein. „Durchtränkt mit Blut!“ , dachte er hektisch. Wie hypnotisiert starrte er in das Auge, Minute um Minute, bis ihn schließlich ein Schwindelgefühl überkam und er seinen Blick wieder auf das Mädchen richtete. Sie ließ ihre Beine baumeln und tippte mit ihren langen Fingernägeln auf der Platte der Maschine einen Rhythmus, der nur zweierlei Bedeuten konnte (zumindest wenn es nach ihm ging): Ungeduld oder Nervosität.

Tipp, Tipp, Tapp. Tipp, Tipp, Tapp.

Vorsichtig schaute er sie erneut von oben bis unten an und das Bild des müden, kränklichen Mädchens, welches er zu Anfang vor sich hatte, wandelte sich in das einer geheimnisbergenden, jungen Frau. Ihre Blicke trafen sich.
Ihre stahlblauen Augen schienen nicht länger ausdruckslos und leer und für einen Moment fiel ihm das Atmen sehr schwer. Er japste nach Luft – sie grinste nur. Ihr Gesichtsausdruck schien zu sagen Ich weiß, dass du es weißt! und erneut fiel ihm der dunkelrote Fleck auf ihrem Tank Top auf. „Scheisse, Johnny!“, dachte er „Du wirst langsam Paranoid.“ und versuchte damit sich wieder auf den Boden der Tatsachen zurück zu holen.

Gerade als er sich wieder etwas beruhigt hatte , durchbrach plötzlich Musik die düstere Stimmung in Rosie's Waschsalon und Tom Waits flehte darum, erstochen zu werden. Die Musik kam von der Straße, das war sicher, denn im inneren des Salons befanden sich weder Radio, geschweige denn ein anderes Gerät zum Abspielen von Musik. Er sah zur Tür, dann wieder zu dem Mädchen. Sie grinste noch immer, ihr Blick jedoch schien nun wieder leer.

Waltzing Matilda, Waltzing Matilda.
You'll go waltzing Matilda with me?
Wirst du mit mir auf Reise gehen?


Als die gegenüber liegende Waschmaschine zu schleudern begann, verschwand Waits' rauhe Stimme aus der Luft und einen Augenblick lang dachte er, dass das Ding auf dem die Blonde saß, in die Luft gehen wird. Diese alten Kästen waren nun mal unberechenbar – genau wie manche Menschen. Und sie empfand er als unberechenbar. Dann, von einer Sekunde auf die Andere, verstummte das mintgrüne Monstrum. Sie sprang auf, ging zwei Schritte auf ihn zu – worauf hin er erschrocken zusammen zuckte – um sich dann vor die Maschine zu knien und das Kleidungsstück herauszunehmen. Sie schwang sich die feuchte Jacke – es war ein grüner, dünner Army-Parka – um den Hals wie ein Boxer sein Handtuch. Und dann grinste sie wieder dieses verlorene Grinsen.

„Das Scheisszeug geht einfach nicht raus!“
, fluchte sie plötzlich in den Raum hinein. Man hätte meinen können, sie spräche mit sich selbst, jedoch schaute sie ihn dabei eindringlich an, sodass es unverkennbar war, dass sie mit ihm sprach. „Wissend. Ihr Blick ist wissend.“ , ging es ihm durch den Kopf, während er zu ihr hinauf sah und sich selbst „Bitte?!“ sagen hörte.
Sie wirkte nun nicht mehr nur nervös und unberechenbar auf ihn, nein, Sie wirkte bedrohlich.
„Das Blut, Boy. Das verdammte Blut! Ich hab's schon mit Salz probiert, und mit Weißwein – das soll ja angeblich helfen – aber dieses Scheisszeug ist einfach nicht 'rauszubekommen.“
Er nickte und sah verstohlen auf die Uhr seiner Waschmaschine: zehn verbleibende Minuten.
Er musste, so fand er, diesen Ort dringend verlassen. Vielleicht war das auch der, wenn auch leicht sadistische Wink mit dem Zaunpfahl, dass es an der Zeit war, sich endlich eine eigene Waschmaschine zu kaufen. Er versuchte ihren Blick zu meiden und ruhig zu bleiben. Noch immer hielt sie das Buch in ihren Händen und nun erkannte er, was sie las: The Catcher in the Rye von J.D. Salinger. „Das Pferd besteht aus Blut. Aus verdammtem Blut!“ kreisten seine Gedanken im Kopf umher. Sie seufzte und er erwachte aus seinem frühabendlichen Alptraum. Er wollte nicht, sah sie aber erneut an. Etwas an ihrer Erscheinung hatte sich innerhalb weniger Sekunden geändert, jedoch konnte er nicht erkennen, was es war.

„Letzte Woche, drüben an der 42nd – hast'e vielleicht gehört – wurde Einer überfahren. Junger Kerl, gerade 23 geworden. Weißt'e... das war mein Bruder.“ Sie machte eine Pause und er sah, wie ihre Augen glasig wurden. „War echt 'n lieber Kerl, konnte nur nicht gut mit sich selbst umgehen. War immer... du weißt schon, Boy. War immer drauf. Letzte Woche auch – hatte das Auto dann auch nicht kommen sehen, als er über die Straße lief und kam unter die Räder. Hat sich aber immer um Mum und mich gekümmert, nur eben um sich nicht. Ins Krankenhaus hat er's ja auch nicht mehr geschafft, war ja auch keiner da um 'nen Arzt zu rufen. Ist dann auf der Straße gestorben, mein Bruder.“ Er blickte in ihr Gesicht, die Augen waren mit Tränen gefüllt, auf den Lippen lag jedoch noch immer ihr Grinsen. „Das ist kein Grinsen, Johnny. Sie lächelt.“ , dachte er und nickte wieder leicht. „Hab davon gehört... Schlimme Geschichte.“ , war alles, was er heraus bekam. Stille. Dann fuhr sie fort: „Bobby Clark, sein bester Freund – weißt'e Boy, der ist Cop – der sagt, dass es Absicht war. Sagt, mein Bruder wollte nicht mehr Leben, hätte zu viele Probleme und all so 'ne Scheisse. Und dass er nicht wusste, wie er Mum und mir diesen Schmerz ersparen kann. Aber weißt'e, ich glaub nicht an dieses verdammte Scheissgelaber. Das hätte mein Bruder nie getan, absichtlich. War'n lieber Junge, musst du wissen. Kam nur nicht mit seinem Leben zurecht, hat Drogen genommen und mir immer gesagt, dass ich bloß meine Finger von dem Dreckszeug lassen soll. Hab ich auch.. bis vor Kurzem zumindest.“
Sie wischte sich die Tränen aus ihrem Gesicht, die ihr über die blassen Wangen liefen.
„Und die Jacke, das ist seine. Die hatte er den Abend an. Ich wollt' sie unbedingt zurück haben, weil, du musst wissen: das war seine Lieblingsjacke, obwohl er nie bei der Army war. Der hätte keinem was antun können, wenn'de verstehst. Die Cops wollten die Jacke ja erst einbehalten wegen Spurensicherung und all diesem Mist aber Bobby, der hat sie mir zurückgebracht. Hab keine Ahnung wie er das gemacht hat, bin ihm aber verdammt dankbar dafür. Hab ja sonst nichts von meinem Bruder, keine Fotos oder so. Und Bobby, ja, der meint ja, er wäre absichtlich vor das Auto gerannt – so ein verdammter Bullshit!“ Tränen liefen ihr übers Gesicht und als er verstand, dass sie weder nervös, noch unberechenbar noch sonst irgendwie gefährlich für ihn war, da schämte er sich seiner Gedanken. „Aber weißt'e, Boy. Dieses gottverdammte Blut geht einfach nicht 'raus.“ , sagte sie in einem von Tränen ersticken lachen und beendete ihre Geschichte damit. Sie schaute ihn an, eindringlicher als je zuvor an diesem Abend und ihre stahlblauen Augen schienen durch all die Tränen, als ob sie leuchten würden. In seinem ganzen Leben, und das führte er immerhin schon fast 40 Jahre, hatte er noch nie solch einen stechenden Blick, wie den ihren gesehen. Er durchstach ihn wie ein Dolch. „Mach's gut, Boy.“ , sagte sie beim Verlassen des Salons, die Jacke noch immer um den Hals geschwungen.

Als er zehn Minuten später den Salon verließ, sang Tom Waits immernoch vom Vietnamkrieg, diesmal jedoch nur in seinem Kopf. Die Kleine saß auf einer Parkbank, auf der gegenüberliegenden Straßenseite. Sie Die Jacke ordentlich neben sich gefaltet, der Blick war wieder leer und das Buch mit dem blutigen Pferd auf dem Cover in ihren Händen. Und ihre überaus schlanken, um nicht zu sagen mageren, Arme hingen von ihren müden Schultern wie klapprige Äste von einem vom Herbststurm zerpflückten Baum.



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